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Erkunde die Geschichte von Migration, Staatsbürgerschaft und Zugehörigkeit in Deutschland und den USA über die Jahrhunderte.

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1871
-
1918
Sinti*zze und Rom*nja im Kaiserreich

Die Geschichte der Verfolgung und Diskriminierung von Sinti*zze und Rom*nja auf heutigem deutschen Staatsgebiet beginnt bereits im 15. Jahrhundert, doch wird sie ab der Gründung des Kaiserreichs erstmals flächendeckend systematisiert und koordiniert.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts migrieren rund 200.000 Rom*nja aus den Fürstentümern und Walachei, nachdem dort die Leibeigenschaft abgeschafft wurde. Das Deutsche Reich reagiert mit verschärften polizeilichen Erfassungsmaßnahmen, der Verweigerung der Ausgabe von Wandergewerbescheinen und mit Abschiebungen. Sinti*zze mit deutscher Staatsangehörigkeit sind zwar nicht von Abschiebungen bedroht, allerdings wird die Ausgabe von Wandergewerbescheinen durch Verordnungen und Gesetze an strenge polizeiliche Kontrollen und bestimmte Vorgaben geknüpft. Sie sollen weitestgehend sesshaft gemacht und assimiliert werden. Dieser Widerspruch zwischen Sesshaftmachung und Vertreibungspolitik bleibt auch in den nächsten Jahren erhalten. Er zeigt sich unter anderem darin, dass Rom*nja und Sinti*zze einerseits untersagt wird, sich über einen bestimmten Zeitraum an einem Ort aufzuhalten, ihnen aber andererseits Nomadentum vorgeworfen wird. Ebenso widersprüchlich sind die Arbeitsregelungen. Einerseits werden Sinti*izze und Rom*nja vom Zunftgewerbe ausgeschlossen und ihnen wird der Erhalt von Gewerbescheinen untersagt, andererseits wird ihnen vorgeworfen, dass sie nicht arbeiten. Durch dieses Verbot bleiben Vielen als Erwerbsquellen das Musizieren, die Schaustellerei und die Wahrsagerei. Mit der zunehmenden Verbreitung völkischer, rassistischer und sozialdarwinistischer Zugehörigkeitsvorstellungen (siehe Sozialdarwinismus und Eugenik, 1890) nimmt auch die Verfolgung und Kriminalisierung von Sinti*zze und Rom*nja zu. Ab 1899 werden in den einzelnen Ländern spezielle Nachrichtendienste eingerichtet, die für die flächendeckende systematische Erfassung von Sinti*izze und Rom*nja zuständig sind. Im Zuge dessen werden Ausweise ausgestellt, die sie jederzeit zu tragen und auf Aufforderung vorzuzeigen haben. Die rassistische Gesetzgebung wird in der Weimarer Republik sogar noch verschärft (siehe Sinti*zze und Rom*nja in der Weimarer Republik, 1926-1929). Die im Kaiserreich beginnende Erfassung der personenbezogenen Daten und die damit einhergehende totale Überwachung über mehrere Jahrzehnte hinweg nutzen später die Nationalsozialist*innen für ihre systematische Verfolgung und Ermordung der Rom*nja und Sinti*zze in den Konzentrationslagern (siehe Rom*nja und Sinti*zze im Nationalsozialismus, 1936-1945).
Bild aus dem Dossier "Sinti & Roma" von der BpB Illustrator Nino Bulling
Bild aus dem Dossier "Sinti & Roma" von der BpB
Das Dossier der Bundeszentrale über die Situation von Sinti und Roma in Europa umfasst 22 Illustrationen und kann online gelesen werden.
Germany
Sources
  1. Patrick Kraemer. Diplomarbeit: Lebenserzählungen von Angehörigen einer deutschen Minderheit: Eine Analyse narrativer biografischer Interviews mit Sinti und Roma. Hamburg: Diplomica Verlag, 2008. 
  2. Nicole Horn, Leidgib Ellen. Opre Roma! Erhebt Euch! Eine Einführung in die Geschichte und Situation der Roma. Auflage 1. Auflage. München: AG-SPAK-Bücher, 1994. 
  3. Michael Zimmerman. Verfolgt, vertrieben, vernichtet. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik gegen Sinti und Roma. Essen: Klartext, 1989.
  4. Rassismus gegen Sinti und Roma. Zur Kontinuität der Zigeunerverfolgung innerhalb der deutschen Gesellschaft von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart. Frankfurt am Main: Peter Lang, 1994.
  5. Markus End. «Wer nicht arbeitet, soll nicht essen» Geschichte, Gegenwart und Kritik des Antiziganismus. arranca!. 2010. Date accessed: July 11, 2015.
  6. Jana Seppelt. 600 Jahre Roma und Sinti in Deutschland – die Geschichte einer Verfolgung. Themenseite Antiziganismus von ZAG – antirassistische Zeitschrift. Zeitschrift der Antirassistischen Initiative Berlin e.V., 2003. Date accessed: October 24, 2015.
Additional Resources
  1. Illustrationen von Paula Bulling für das Online-Dossier “Sinti und Roma in Europa” der Bundeszentrale für politische Bildung. Paula Bulling Webseite. 2014.
  2. Rom e.V. Köln. Vereinigung für die Verständigung von Rom und Nicht-Rom e. V.. Date accessed: July 11, 2015.
  3. Amaro Drom e.V. – Interkulturelle Jugendselbstorganisation von Roma und Nicht-Roma. Amaro Drom. Date accessed: July 11, 2015.
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